Wertstromanalyse

Die Wertstromanalyse ist ein Werkzeug, um den Istzustand einer Produktion oder eines Prozesses darzustellen. Da hier auch der Informationsfluss und der Materialfluss abgebildet wird, kann diese Methode als übersichtlich und dennoch umfassend gesehen werden.[1] 
Mit der Wertstromanalyse kann man Produktionsabläufe visualisieren und ein gemeinsames Verständnis für die Abläufe im Unternehmen schaffen. Deutlich werden hierbei Schnittstellen zu Kunden und Lieferanten sowie zwischen einzelnen innerbetrieblichen Abteilungen. In einer Wertstromanalyse kann man sowohl den Ist-Zustand als auch den Soll-Zustand abbilden, wobei dies nie in einer Abbildung geschieht.
Die Wertstromanalyse besteht aus zwei wichtigen Worten : „Wert“ und „Strom“. Der „Wert“ steht für das Produzieren allgemein, also dafür, dass aus einem Rohmaterial ein Endprodukt geschaffen wird. Das Wort „Strom“ bezieht sich darauf, dass ein Teil während der Produktion verschiedene Stationen durchläuft und somit im Produktionsfluss ist.[2]  Auch wenn bei dieser Methode das Augenmerk auf der Wertschöpfung liegt, werden dennoch Nebentätigkeiten mitbetrachtet, um festzustellen, welche Tätigkeiten nun wirklich wichtig, also wertschöpfend aus Kundensicht, sind.

Ziel

Ziel einer Wertstromanalyse ist es, die vorhandenen Prozesse in der Produktion mit ihren Schnittstellen zu Lieferant und Kunden darzustellen und eine Grundlage zur Analyse zu bilden. Durch einen umfassenden Prozessüberblick sollen Verschwendungsquellen identifiziert und analysiert werden. Außerdem können auch Verbesserungspotentiale erkannt, und die Durchlaufzeiten verringert werden.[3] 

Aufbau und Grundelemente

Symbole

Bei einer Wertstromanalyse gibt es sechs Grundelemente, die hier nun näher erläutert werden sollen[4] :

  • Produktionsprozesse: zeigen die Tätigkeiten, die der Produktion dienen, sie können intern oder extern sein.
  • Geschäftsprozesse: zeigen Tätigkeiten, die der Auftragsabwicklung dienen, hierzu gehört auch die Produktionsplanung und –steuerung.
  • Materialfluss: zeigt den Transport der Rohstoffe zu der Fabrik, den Transport der unfertigen Erzeugnisse in der Fabrik, sowie die Lieferung der fertigen Erzeugnisse zum Kunden.
  • Informationsfluss: zeigt den Informationsaustausch zwischen Produzenten und Lieferanten, Produzenten und Kunden, sowie innerhalb des Unternehmens.
  • Kunde: gibt Lieferzeiten und Kundentakt vor, auf seine Bedürfnisse ist die Wertschöpfung ausgelegt.
  • Lieferant: steht für die Versorgung mit Rohmaterialien oder Baugruppen.

Tab.1

Tab.2

Tab.3

* Kaizenblitze dienen dazu, Verbesserungspotentiale zu kennzeichnen. Bei der Optimierung des Wertstroms sind dies Stellen, die geändert werden sollten.

Aufbau


Abb.1: Anordnung der Elemente

Vorgehensweise

Die Vorgehensweise gliedert sich nach Klaus Erlach in vier Schritte[5] :

1. Produktfamilienbildung

Noch bevor mit der Aufnahme des Wertstroms begonnen werden kann, müssen Produktfamilien erstellt werden. Hierbei werden Produkte mit ähnlichen Produktionsschritten zusammengefasst. Diese können dann in einem Wertstrom abgebildet werden. Wenn ein Unternehmen nur wenige Produkte herstellt, kann es jedoch auch so sein, dass jedes Produkt seinen eigenen Wertstrom besitzt.
Um eine Produktfamilie zu bilden, kann eine Produktfamilienmatrix (Tab.4) erstellt werden. Diese listet zum einen die einzelnen Produkte auf, und zum anderen die benötigten Arbeitsschritte. Wenn man nun die für das jeweilige Produkt benötigten Arbeitsschritte markiert, kann man sehen, welche Produkte einen ähnlichen Prozessablauf haben und diese in eine Produktfamilie einsortieren.[6] 


Tab.4: Produktfamilienbildung[7] 

Um die verschiedenen Prozessschritte zu identifizieren kann man auch ein SIPOC-Diagramm erstellen.

2. Kundenbedarfsanalyse

Da es das Ziel einer Wertstromanalyse ist die Produktion am Kundenbedarf auszurichten, muss die Sicht des Kunden eingenommen werden. Wichtig ist hierbei, dass verschiedene Kunden zwar das gleiche Produkt verlangen, dies aber zu anderen Konditionen bezüglich Lieferzeit, -menge und -bedingungen. Deshalb muss man eventuell auch Kundengruppen bilden. Wenn man nun wissen will, in welchem Tempo gearbeitet muss, um dem Kundenbedarf zu entsprechen, muss der Kundentakt ermittelt werden.
Dieser wird wie folgt berechnet:

Wenn die Produktion genau in diesem Takt arbeitet, dann entspricht sie genau den Kundenanforderungen.

3. Wertstromaufnahme
  • Die Wertstromaufnahme beginnt an der Schnittstelle zwischen Produktion und Kunden, also dem Versand. Der Wertstrom kann so zurück bis zum Wareneingang verfolgt werden.
  • Im Anschluss werden die Geschäftsprozesse und der Informationsfluss beginnend bei der Auftragsannahme, die zur Auftragsabwicklung dienen, aufgenommen.
  • Jetzt werden Prozessdaten und -zeiten definiert. Hierzu gehören Bearbeitungszeit, Rüstzeiten, Ausschussrate, Ertrag, Maschinenverfügbarkeit, sowie Durchlaufzeiten.
  • Nachdem die Daten aufgenommen und der Wertstrom gezeichnet wurde muss der abgebildete Ist-Zustand von den am Prozess beteiligten Personen überprüft werden.[8] 
4. Verbesserungspotentiale

Die Wertstromanalyse wird dazu genutzt, um Verbesserungspotentiale zu erkennen. Hierzu kann das Verhältnis von Durchlaufzeit zu Bearbeitungszeit herangezogen werden. Auch der Auslastungsgrad einzelner Betriebsmittel lässt sich erkennen, sowie Schwächen innerhalb des Produktionsablaufs. Ein verbreitetes Werkzeug zur Beurteilung der einzelnen Prozessschritte ist das Taktabstimmungsdiagramm (Abb2). Hierbei kann die Auslastung der Mitarbeiter, sowie die Dauer der einzelnen Schritte gesehen werden. Dargestellt wird dieses Diagramm in Form eines Balkendiagramms. Der höchste Balken ist als Engpass zu sehen, sehr niedrige Balken bedeuten Wartezeiten. Auch der Kundentakt wird eingezeichnet, denn daran kann abgelesen werden, ob die Produktion innerhalb des Kundentaktes arbeitet, also schnell genug produziert, um den Kundenbedarf zu decken.


Abb.2: Taktabstimmungsdiagramm

Verarbeitete Daten

Es gibt verschiedene Daten, die für die Wertstromanalyse relevant sind. Dies sind zum einen Kundendaten, welche in der Kundenbedarfsanalyse benötigt werden, zum anderen prozessspezifische Daten.

Vom Kunden vorgegebene Daten sind u.a.:

  • Nachfragemenge
  • Nachfragefrequenz
  • Transportmedium
  • Bedarfsschwankungen
  • Transportzeiten, -entfernungen
  • Anlieferungsbesonderheiten (Just-in-Time, Just-in-Sequence)[9] 

Prozessspezifische Daten sind u.a.:

  • Bearbeitungszeiten
  • Rüstzeiten
  • Verteilzeiten
  • Zykluszeit
  • Durchlaufzeiten
  • Wertschöpfungszeit
  • Bestandsreichweite
  • Für einen Arbeitsvorgang benötigte Anzahl Mitarbeiter

Interpretation

Mit Hilfe der Wertstromanalyse können die wertschöpfenden Tätigkeiten eines Prozesses von den nicht wertschöpfenden unterschieden werden, da man hierbei sieht, bei welchem Bearbeitungsschritt das Produkt Veränderung erfährt, also einen Wert hinzugewinnt. Aus dem Verhältnis von wertschöpfender Zeit zu nicht wertschöpfender Zeit kann man die Wertschöpfungseffizienz, also den Wirkungsgrad des Prozesses erkennen. Auch Schwachstellen, wie Engpässe und überflüssige Wartezeiten können identifiziert werden. Auf Grund dieser Erkenntnisse können dann Verbesserungsvorschläge erarbeitet werden, die u.a. die Veränderung der Losgröße, die Einführung eines Fifo- oder Kanbansystems oder die Harmonisierung der Zykluszeiten beinhalten können.

Vorteile und Nachteile

Vorteile

  • Die einfache Symbolik der Wertstromanalyse kann leicht erlernt werden und ist somit für den Produktionsmitarbeiter genauso verständlich wie für einen Manager. Außerdem kann die Wertstromanalyse direkt vor Ort mit Bleistift und Papier angefertigt werden.
  • Die Darstellung ist sehr übersichtlich, da nur wesentliche Daten und Vorgänge abgebildet werden.
  • Sie ist ganzheitlich, da sie sowohl den Lieferanten, als auch den Kunden mit einbezieht.
  • Der Verbesserungsgrad ist an konkreten Zahlen, wie der Durchlaufzeit erkennbar.
  • Kundenanforderungen werden besonders beachtet, da die Wertstromanalyse flussaufwärts startet, das heißt beim Versand, und so der Prozess aus Kundensicht erschlossen wird.

Nachteile

  • Wertschöpfungszeiten und Durchlaufzeiten sind schwer zu ermitteln.
  • Die Wertstromanalyse eignet sich besser für Prozesse mit hohem Materialfluss und wird hauptsächlich bei Produktions- und Logistikprozessen eingesetzt.
  • Der Detaillierungsgrad ist gering, da die Darstellung sonst unübersichtlich wird.

 

Quellennachweise

1.  Erlach, Klaus: Wertstromdesign: Der Weg zur schlanken Fabrik. Berlin Heidelberg. 2010, S. 32 [↑]

2.  Erlach, Klaus: Wertstromdesign: Der Weg zur schlanken Fabrik. Berlin Heidelberg. 2010, S. 8f. [↑]

3.  Meran, Renata, John, Alexander, Staudter, Christian u.a.: Six Sigma+Lean Toolset: Mindset zur erfolgreichen Umsetzung von Verbesserungsprojekten. Berlin Heidelberg. 2012, S. 187 [↑]

4.  Erlach, Klaus: Wertstromdesign: Der Weg zur schlanken Fabrik. Berlin Heidelberg. 2010, S. 32f [↑]

5.  Erlach, Klaus: Wertstromdesign: Der Weg zur schlanken Fabrik. Berlin Heidelberg. 2010, S. 36 [↑]

6.  Erlach, Klaus: Wertstromdesign: Der Weg zur schlanken Fabrik. Berlin Heidelberg. 2010, S. 38f. [↑]

7.  Meran, Renata, John, Alexander, Staudter, Christian u.a.: Six Sigma+Lean Toolset: Mindset zur erfolgreichen Umsetzung von Verbesserungsprojekten. Berlin Heidelberg. 2012, S. 187 [↑]

8.  Meran, Renata, John, Alexander, Staudter, Christian u.a.: Six Sigma+Lean Toolset: Mindset zur erfolgreichen Umsetzung von Verbesserungsprojekten. Berlin Heidelberg. 2012, S. 188f. [↑]

9.  Becker, Torsten: Prozesse in Produktion und Supply Chain optimieren. Berlin Heidelberg. 2005, S. 119 [↑]